Modern auf Kur wie einst zu Kaisers Zeiten
Der kleine See am Rande von Hévíz in Ungarn ist einzigartig in Europa. Eingesäumt von Zypressen auf der einen und von einer modernen Badeanstalt auf der anderen Seite verspricht er den Badenden Heilung oder zumindest Linderung einer Vielzahl von Gebrechen. Zugleich begründete er den Ruhm des kleinen ungarischen Städtchens unweit des Balaton-Sees als Heilbad, Kurort und Zentrale für moderne Wellness.
Die Atmosphäre ist heiter, beinahe mediterran. Keine Spur vom manchmal morbiden Charme der alten Badeorte – und doch: Die Kur hat Tradition in Hévíz, seit hier Graf Festetics vor 200 Jahren eine erste Badeanstalt errichten ließ. „Und Anspruch”, wie Hoteldirektor Günter Zimmer von der Lotus Therme betont. Im von ihm geleiteten Hotel der österreichischen Rogner-Gruppe spielt täglich eine Kapelle zum Tanz. „Unsere Publikum wünscht das”, sagt er.
Die besondere Attraktion ist der kleine See von Hévíz, einer der größten biologisch aktiven Heilseen der Welt. Am Ufer gedeihen farbenprächtige indische Seerosen. Bei einer Wassertemperatur von weit über 30 Grad im Sommer und mindestens 22 Grad im Winter lädt er zur Entspannung ein. Seit vergangenem Jahr rangiert er außerdem unter den offiziell erkorenen Naturwundern Ungarns.
Warme Quellen sprudeln aus der Tiefe
Sein Geheimnis ruht nicht, sondern sprudelt in der Tiefe aus geothermisch erwärmten Quellen und das in einer Fülle, dass sich das Wasser des über vier Hektar großen Sees innerhalb von drei Tagen erneuert. „Die durchschnittliche Temperatur von 30,7 Grad beeinflusst den Wärmehaushalt des Menschen nicht, dies macht den Kranken ruhig und frisch”, sagt der Bademeister in fast akzentfreiem Deutsch und händigt gleichzeitig an die Erwachsenen altmodisch wirkende Schwimmreifen aus.
Die ungarische Sprache hat für fremde Zungen ihren eigenen Reiz. Ein wichtiges Wort in Hévíz ist Egészség, das ungarische Wort für Gesundheit. Man gabraucht es auch, um Prost zu sagen und niemand ist böse, wenn die passende Nachsilbe zu Egészségére oder Egészségedre nicht richtig angefügt wird. In Hévíz und in der Umgebung ist Deutsch ohnehin so gut wie eine zweite Umgangssprache in Gebrauch.
Die besonderen Beatandteile des Heilwassers im berühmten See sind Schwefel, Radium, Kohlendioxid, Kalzium, Magnesium und Hydrogenkarbonat, und es besitzt leicht radioaktive Eigenschaften. Das Thermalwasser trägt damit zur Entspannung des Körpers und damit zum Erfolg bei der Behandlung von rheumatischen und motorischen Beschwerden bei.
Das Wasser wird bei Magenbeschwerden und Verdauungsproblemen aber auch zur Trinkkur verwendet. Ferner verwandelt sich im Winter der Bereich über dem Wasserspiegel zu einem riesigen Freiluft-Inhalatorium, da es zu starker Dampfentwicklung kommt. Diese Dämpfe wirken sich wohltuend auf die Stimmbänder aus.
Vor jeder Anwendung und Behandlung bieten so gut wie alle Hotels eine ausführliche medizinische Untersuchung und Betreuung an. „Die Diagnostik, das Zuhören und das Zeitnehmen für den Patienten und Kurgast spielen in unserer Therapie eine enorm wichtige Rolle”, sagt Chefarzt Dr. Péter Monduk. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich auch Kuraufenthalte in Verbindung mit einer Zahnbehandlung.
Schlamm aus dem See für Physiotherapie
Auch der Schlamm vom Grund des Sees wird für physiotherapeutische Maßnahmen angewandt. Er enthält sowohl organische als auch anorganische Bestandteile, wobei die wichtigsten davon Schwefellösungen und Radiumsalze sind.
Dieser mondernen Interpretation der Heilkraft entspricht eine uralte Legende. Demnach ließ hier die heilige Jungfrau auf das flehende Gebet einer Amme einst eine Quelle entspringen. Die Amme wollte ein gelähmtes Kind heilen. Und das gelang ihr mit Hilfe des aus der Tiefe aufquellenden Wassers und des Heilschlamms.
Diese Geschichte ist in der Zeit der Römer angesiedelt, die um die heilende Wirkung des Sees wussten und nachweislich am Südufer des Balatons mit seinen sanften Hügeln und Weinbergen das Land bebauten. Das genesene Kind machte laut Legende noch große Karriere. Es wuchs zum späteren oströmischen Kaiser Flavius Theodosius heran, der im Jahr 391 die christliche Religion in seinem Reich zur Staatsreiligion erklärte.
Die Rolle der antiken Römer als Badagäste haben in den vergangenen Jahrzehnten wieder Deutsche und Österreicher, wie einst zur Zeit der K.u.k. – Monarchie, eingenommen – in der jüngsten Vergangenheit auch ungarische Familien, die den Urlaub im eigenen Land schätzen lernten.
Die Region hat reagiert. Hévíz vermittelt heute einen fröhlichen Eindruck und bietet ein breites Programm zur Freizeitgestaltung – Kanufahren auf den Zuflüssen des Balaton (Plattensee) durch eine einzigartige Landschaft, Reitsport, Golf und einen Radweg zum und um den Balaton mit Exkursionen zu Burgen und Schlössern wie dem der Grafen Festetics im Nachbarstädtchen Keszthely auf einer Anhöhe über dem Balaton oder einem Ausflug in die nahen Weinberge. Das Schloss im barocken Stil ist zugleich eines der größten in ganz Ungarn.
Auch für Familien mit Kindern wurde ein eigenes Angebot geschaffen. Seit Mitte der 90er Jahre entstand in Partnerschaft mit der Kolpingfamilie der Diözese Augsburg im benachbarten Alsópáhok eine weitläufige Hotelanlage mit Angebot und Betreuung für die Allerkleinsten bis hin zu einem Hochseilgarten für Teenager und Erwachsene.
Von Ernst Deubelli
Passauer neue Presse , Oktober 2009

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